Leitartikel in Native Peoples, Mai/Juni 2005
übersetzt von Alexandra Galindez
Fotos von Larry Price (Navajo)

Niko DeRoin-Davidson (Otoe-Missouria/Choctaw) trägt ein Kleid aus
Hirschleder im Otoe-Stil. Das Kleid war ein Geschenk ihrer Familie zum
Highschool-Abschluss. Angefertigt wurde es und die gesamte
Perlenstickerei von ihrem Onkel, Charles Johnson (Otoe), einem
entfernten Familienmitglied. Die bestickten Schneeflockenmuster sehen
alle unterschiedlich aus, so wie in der Natur auch, es gibt nicht zwei,
die sich gleichen. Viele Frauen der südlichen Plains tragen mit ihrer
Kleidung einen Brustschmuck, aber DeRoin-Davidson trägt stattdessen
eine Otoe-Kette im alten Stil aus Knochen, Perlen und Münzen. Die
Mokassins, den Umhang, die Tasche und den Gürtel hat ihre Mutter
gemacht. George Desjarlais (Cree), ein Freund aus Alberta, hat die
Krone angefertigt. DeRoin-Davidson selbst sagt, „Ziemlich viele Leute
haben zu diesem Outfit beigetragen, das irgendwie wie mein Leben ist;
jeder hat seinen Teil dazu beigetragen“. DeRoin-Davidson tanzt seit sie
eineinhalb Jahre alt ist. Sie hat schon Jingle und Fancy Shawl getanzt,
bevorzugt jedoch vor allem die südlichen, traditionellen Tänze und den
Kürbistanz („gourd dance“), wegen ihrer Grazie und Kraft. Die Auftritte
bei den Powwows haben einen hohen Stellenwert in ihrem Leben. „Ich muss
immer daran denken was ich gelehrt wurde, als ich mit dem Tanzen
angefangen habe“, sagt sie, „und das ist, dass man immer bescheiden
bleiben und für diejenigen zu tanzen soll, die es nicht selbst können.

Happy Frejo (Pawnee/Seminole) trägt ein Outfit im traditionellen
Seminole-Stil, das ihre Tante, Ruby Lena (Seminole) aus Wewoka,
Oklahoma gemacht hat. Beides, das Cape und der Rock wären
traditionellerweise aus Baumwolle, Lena hat sich hier jedoch für
lilafarbenen Lamee entschieden, um das Outfit eleganter und modischer
zu gestalten. Ältere Capes waren oft viel kürzer und ließen die
Zwerchfellpartie unbedeckt, so dass der Oberkörper noch zu sehen war.
Der üppige Rock, der bis zum Boden reicht und um die Taille in Falten
gelegt ist, stellt ein faszinierendes Beispiel für Seminole-Patchwork
dar. Die Kunst des Patchwork, also das Zusammennähen von vielen kleinen
Stoffteilen um daraus ein großen zu machen, entstand in den späten
Jahren des 19. Jahrhunderts aus einer Not heraus. Patchwork führte
jedoch schnell zu einem Wettbewerb dieser Kunstform und später zu einer
Touristenattraktion. Die Einführung der Nähmaschine im frühen 20.
Jahrhundert revolutionierte die Patchwork-Kunst, so dass komplexere
Muster in kurzer Zeit hergestellt werden konnten. Die Glasperlen, die
Frejo trägt repräsentieren eine frühere Mode, in der bis zu viereinhalb
Kilo Glasperlen über dem Cape getragen wurden. Frejo ist
Perfomance-Künstlerin, Tänzerin, Sängerin/Songwriter, Dichterin und
eine ehrgeizige Schauspielerin. Sie gibt Kindern, die auf Reservationen
und in Innenstädten leben, Tanzunterricht. Von Mai an wird sie mit
Spirit, the Seventh Fire, einer berauschenden Multimedia-Show, die
Livemusik und Tanz mit Film verbindet, auf Tour sein.

Shaylin Shabi (Navajo) trägt die frühe Variante des traditionellen
Navajo-Kleides, das aus einer Wolldecke besteht. Es wurde zu einer
Alternative für das Wolldecken-Kleid, das man sich umwickelt, ähnlich
des Pueblo-Manta auf Seite 32. Zwei gleiche Wolldecken werden hierfür
an den Seiten und oben zusammengenäht, wobei man Öffnungen für Kopf und
Arme lässt. Ein Kleid wie dieses wird typischerweise gemacht, um ein
besonderes Ereignis oder eine außergewöhnliche Leistung zu feiern. Ein
Freund der Familie aus Kayenta in Arizona hat dieses Kleid gemacht um
Shabis Erfolge mit ihrem Volleyball Team zu feiern. Über dem Kleid wird
eine Schärpe getragen und darüber kommt noch ein Concho-Gürtel. Die als
Gürtel getragene Schärpe hat in der Navajo-Tradition eine große
Bedeutung. Sie fördert eine gute Haltung sowie Fleiß bei jungen Mädchen
und Frauen, außerdem erinnert sie an die Heiligkeit des Frauseins. Die
Schärpe wird auch beim Einsetzen der Wehen getragen und nach der Geburt
trägt die frischgebackene Mutter sie, um einen flacheren Bauch zu
bekommen und um ihre schlanke Figur wiederherzustellen. Diesen Gürtel
hat ein Cousin gewebt. Das Tragen von Türkisen gehört auch zu der
Tradition der Navajo. Die von Shabi getragenen Stücke gehören ihrer
Mutter und werden, so wie es der Brauch ist, eines Tages an sie
weitergegeben. In der Hand hält Shabi eine traditionelle Haarbürste aus
Stroh. Sie wurde früher dazu benutzt, die Haare zu einem
charakteristischen Navajo- Haarknoten zu kämmen – „so ähnlich wie ein
Burrito“, sagt sie – er wird mit weißem Garn festgebunden. Shabi stammt
aus Kayenta und wuchs in Glendale, Arizona auf. Zur Zeit studiert sie
Journalistik im Hauptfach in einem College in Utah.

Segi Carter (Navajo/Cherokee/Afroamerikanisch) trägt ein Kleid der
späten Navajo-Periode. Dieser Stil hat sich im späten 19. Jahrhundert
nach dem Long Walk durchgesetzt. Damals wurden die Navajo gezwungen
nach Fort Sumner zu gehen, wo sie gefangen gehalten wurden.
Navajo-Frauen wurde das Nähen von Soldatenfrauen beigebracht, und sie
übernahmen so die langen Röcke und Blusen, welche die weißen Frauen
trugen, in ihre eigene Tradition. Carter trägt einen dreistufigen Rock
aus Samt und eine langärmlige Bluse. Die Stücke hat sie mit der Hilfe
ihrer Mutter hergestellt. Die verschiedenen Stufen repräsentieren die
drei Phasen im Leben einer Frau: die Unterste steht für die Kindheit,
die Mittlere für das Erwachsenenalter und die Oberste für die reiferen
Jahre. Der Türkis wird von den Navajo sehr geschätzt und repräsentiert
Tsoodzil (Mt. Taylor), den südlichen der vier geheiligten Berge, die
das Land der Diné begrenzen. Die Kürbisblütenkette und die
Armbänder, im antiken Stil gearbeitet, gehören Carters Großmutter. Die
Decke, die sie als Umhang trägt, repräsentiert eine Häuptlingsdecke der
zweiten Phase, die von Priscilla Warren 2002 gewebt wurde. Ihr Haar ist
im traditionellen Navajo-Stil zu einem Knoten (tsiiéé t) frisiert,
welcher die geheiligte Zahl vier enthält: das Haar wird vier Mal
gerollt und dann vier Mal mit Garn umwickelt (zwei Mal nach jeder
Seite). Carter wurde in Los Angeles geboren, wo sie auch aufwuchs. Zur
Zeit lebt sie in Albuquerque, nennt jedoch Whitecone in Arizona ihr
Zuhause. Sie würde gerne den Beruf der Sportmedizinerin ergreifen,
interessiert sich aber auch sehr für Mode und könnte sich auch in
diesem Bereich ein Studium vorstellen.

Mary Hubbell-Ansera (San Felipe) trägt das traditionelle Gewand für den
jährlichen Grünmais-Tanz („green corn dance“), zu dem Besucher jeden 1.
Mai willkommen geheißen werden. Das schwarze Manta ist ein gewebtes
Oberkleid aus Wolle, das die linke Schulter frei lässt, um
Fruchtbarkeit und Demut zu repräsentieren. Das Gewand wird durch ein
weißes Baumwollunterkleid akzentuiert – eine Ergänzung, die nach dem
Kontakt zu den weißen Frauen entstand – kunstvoll bestickt mit
aufwändigen Symbolen von Wolken, Sonne, Regen, Berge und Pflanzen.
Beide Kleider wurden von ihrer Tante genäht und bestickt. Der
traditionelle, gewebte Gürtel sorgt dafür, dass das Kleid richtig
sitzt. Er kann bis zu sechs 1,83 Meter lang sein, wird um die Taille
gewickelt und an den Enden eingeschlagen. Ihr Schmuck besteht aus
weißen Muschelperlen mit einem Türkis-Jaclaw, das vorne in der Mitte
befestigt ist, und aus schwarzen Armbändern, die aus langen
Perlensträngen bestehen, die um das Handgelenk gewickelt sind. Diese
Perlenstränge gab es reichlich und sie waren leichter zu bekommen als
Türkis. Das lange glatte Haar stellt in Tänzen, in denen für Regen und
eine gute Ernte gebetet wird, den fallenden Regen dar. Pueblo-Frauen
tragen im Alltag rote Mokassins und weiße Wickelmokassins für
offiziellere Anlässe, beide werden traditionell aus gegerbten Reh- oder
Hirschleder hergestellt. Den Green Corn Tanz jedoch, tanzen sie barfuß,
und zeigen so ihre Fähigkeit Mutter Erde zu berühren. Hubbell-Ansera
schreibt gerade ihre Abschlussarbeit um den Doktortitel in Audiologie
zu erreichen. Sie hofft, dass sie eines Tages dringend benötigte und
erschwingliche audiologische Behandlungen in indianischen Gemeinden
anbieten kann.
Larry Price- ursprünglich aus Sheep Springs, New Mexiko und Mitglied
der Navajo Nation – hat eine Leidenschaft für die Fotografie. Ernsthaft
verfolgt er diese Leidenschaft jedoch erst seit Januar 2002, als er im
Photographic Magazin einen Artikel über einen Fotografen aus Flagstaff,
Arizona entdeckte. Die Bilder auf diesen Seiten haben ihn bewegt.

„Ich dachte mir, das ich das auch könnte“, sagt Price. „Ich
musste erfahren, dass es bei weitem nicht so einfach war.“ Der
Fotograf, der ihn inspirierte, war John Running. Price war vor allem
von den indianischen Bildern fasziniert. Bald darauf kontaktierte er
Running und wurde in dessen Studio eingeladen. Dieser Besuch führte
dazu, dass er mit anderen großen Fotographen bekannt gemacht wurde.
Außer von seinen Mentoren wie John Running, Sam Minkler und
Raechel Running, lernte Price die Kunst des Fotografierens auch aus
Büchern, Magazinen und durch zahlreiche Experimente. Zu seinen Helden
gehören Irving Penn, Greg Gorman, John Running und Edwards S. Curtis.
Am liebsten fotografiert Price Menschen – mit einer Neigung für
Mode und Musik. Er hat schon für verschiedene Kalender und Magazine
fotografiert, auch für Native Peoples (Mai/ Juni 2004).
Der Hauptgrund, warum Price mit dem Fotografieren angefangen hat, war
dass er Indianer in einem positiven Licht zu zeigen. Um dieses Ziel zu
erreichen, startete er 2003 mit dem Native Model Studio. Die Vision von
NMS ist es, ein Netzwerk von indianischen Talenten zu schaffen:
Fotografen, Models, Modedesigner, Schauspieler, Filmemacher, Musiker,
Sänger und Graphiker. In diesem Zusammenhang veröffentliche NMS 2005
seinen ersten Kalender. Die Ausgabe für 2006 wird während des
Versammlung der Nationen-Pow Wows („Gathering of Nations Pow Wow“)
herausgegeben. Weitere Informationen zu NMS gibt es auf der
Internetseite www.nativemodelstudio.com.
Unter www.nativephotographer.com sind weitere Arbeiten von Larry Price zu sehen.