Masken des alten Amerika
Masken des alten Amerika
Von Amy Abrams
Leitartikel in Native Peoples, Juli/August 2007
übersetzt von Alexandra Galindez Ortega, Waiblingen in Kooperation mit Dr. Sonja Schierle, Linden-Museum Stuttgart
„In einer komplexen Welt, die ständig Im Wandel ist, stellt die Maske
für uns Indianer ein Kontinuum dar, die es ermöglicht, unsere
Verbindung zum Universum zum Ausdruck zu bringen. Mit den Masken
kennzeichnen wir unsere Menschlichkeit. Durch die Masken bekräftigen
wir unsere auf das Firmament bezogenen Plätze, die den Mond und die
Sterne ehren, durch Masken besiegen wir unsere Furcht vor der Tiefe der
Ozeane, durch Masken treten wir mit der spirituellen Welt in Kontakt,
unserem letzten Ziel.“
- Robert Joseph, ein Kwakwaka’wakw-Anführer, in “Down from Shimmering Sky: Masks of the Northwest Coast”
In einer Vollmondnacht schickt ein loderndes Feuer Funken empor, die
wie winzige Sterne durch die Dunkelheit schießen. Mit einer hölzernen
Maske, die in Schwarz, Rot und Grün bemalt ist, Zähne eingelegt aus
Seeohrmuschel (Abalone) besitzt, tanzt ein Mann in den sich wandelnden
Schatten des flackernden Feuers. Seine Stammesmitglieder sind um ihn
herum versammelt. Er ist ein Tlingit-Schamane der pazifischen
Nordwestküste, der Geister herbeiruft, um Kranke zu heilen.
Die Indianer Nordamerikas glaubten, dass Geister für ihr Wohlergehen
verantwortlich seien. Um Hilfe, Mut oder Mitgefühl von übernatürlichen
Wesen zu erhalten, trugen Schamanen und andere Mitglieder des Stammes
in traditionellen Zeremonien Masken als Teil des Tanzkostüms. Diese
Masken waren oft der mächtigste Bestandteil ihrer Rolle und sie wurden
als heilig angesehen.
Während das Herstellen von Masken unter den meisten nordamerikanischen
Indianern historisch dokumentiert ist, so war es doch kein allgemeiner
Brauch. Die Mehrheit der Dokumentationen über das Anfertigen und Tragen
von Masken führt vier verschiedene Gruppen an: die Irokesen des
Nordöstlichen Waldlandes, die Hopi und Navajo des Südwestens, Alaskas
Eskimos sowie die Indianer der Nordwestküste.
NORDWESTKÜSTE
Die Indianer der Nordwestküste besaßen die am kunstvollsten gestalteten
Masken der Indianer Nordamerikas. Tatsächlich sind ihre Masken wegen
ihrer realitätsgetreuen Gestaltung, ihrer Handwerkskunst und ihrem
Kraftpotential als die beachtlichsten künstlerischen Kreationen aller
Gesellschaften beschrieben worden. Sie wurden getragen um Kranke zu
heilen sowie bei geheimen Ritualen, für gesellschaftliche und religiöse
Zeremonien, als auch zur Unterhaltung.
Anders als die Indianer der Plains, die ständig ihre Heimat verließen
um den umherziehenden Bisons zu folgen, lebten die Völker des
Nordwestens in festen Siedlungen, in denen es reichlich Wasser und die
natürlichen Ressourcen der Wälder gab, was es ihnen ermöglichte mehr
Zeit damit zu verbringen, ihre Häuserfronten, Wappenpfähle, Kanus, ihre
Kleidung und ihren Schmuck aufwändig zu dekorieren. Die Region, die
sich von der Südwestküste Alaskas von der Yakutat Bay südlich durch
British Columbia bis zum Gebiet des Columbia River in Washington und
Oregon erstreckt, beinhaltet sieben Gruppen: die Tlingit, Haida,
Tsimshian, Bella Coola, Kwakiutl, Nootka und die Coast Salish. Diese
Gruppen werden in Regionalgruppen aufgeteilt, die aus Klans bestehen,
und der zentrale Bestandteil jeder Zeremonie eines Klans ist das
Wappen. Familienwappen stellen spirituelle Wesen, Menschen und Tiere
als ihre Vorfahren dar. Die Wappen zeigten viele verschiedene Tiere
darunter Adler, Rabe, Kranich, Schnepfe, Bär und Wolf. Die Masken eines
Klans stellten fachmännische Schnitzer her (ausschließlich Männer,
gewöhnlich solche von hohem Rang, die Jahre damit verbrachten ihr
Handwerk zu verfeinern, und denen es verboten war, die Masken vor dem
ersten Tragen zu enthüllen). Die Masken wurden zunächst aus Zedern-
oder Erlenholz geschnitzt und dann mit verschiedenen natürlichen
Substanzen bemalt. Als Farbe verwendete man beispielsweise
Pflanzenextrakte, Blut, Pilze, Bärendung oder Steine. Verziert wurden
die Masken mit Seeohrmuschel, Operculum (Schneckendeckelchen), Fell und
Menschenhaar.
Der wichtigste Anlass zum Tragen dieser Masken, war vor allem das Fest,
das im Rahmen eines Potlatch oder „Giving Away“ (das Verschenken von
Dingen wie Lebensmitteln oder Schmuck) veranstaltet wurde. Diese Feste
wurden zur Namensgebung von Kindern, zu Hochzeiten, Beerdigungen oder
Ehrungen abgehalten. Sie dauerten mehrere Tage, bei denen gesungen,
getanzt, gespielt und dramatische Aufführungen vorgestellt wurden.
Die Stämme der Nordwestküste hatten drei Arten von Masken: Einteilige
(bestehend aus einem Stück Holz), mechanische (gebaut mit einer Schnur
und Scharnieren – nach dem Erscheinen der Europäer – um Mund und
Augenlieder der Maske bewegen zu können) und Transformationsmasken (mit
ein oder mehreren Gesichter versteckt hinter dem äußeren Gesicht). So
stellt beispielsweise eine wandelbare Maske der Bella Coola einen Lachs
dar, der sich öffnet und dann den Lachsfischer enthüllt; der, der Sage
nach, zum Grund des Meeres taucht und die Lachse den Flusslauf hinauf
bringt.
Transformationsmasken erfordern ernorme Fähigkeiten sowohl bei der
Herstellung als auch bei der Handhabung. Der Träger zog an Schnüren,
die Schwänze, Flossen oder Vogelschnäbel bewegten, zudem geöffnete
Mäuler von Tieren wie Walen oder Bären. Fransen aus Zedernbaumrinde
bedeckten den Rumpf des Trägers und versteckten so die manipulativen
Mechanismen der Maske. Masken, die Menschengesichter darstellten,
bildeten die Details eines Menschen vereinfacht ab, aber dennoch
verblüffend realistisch ab. In verschiedenen Formen gefertigt, waren
sie bis zu 1,83 Meter hoch und wogen bis zu 18 Kilo. Große und schwere
Masken hatten ein Netz aus gebogenen Zweigen, das über dem Kopf oder
ein Leibgurt, der vom Tänzer über Schulter und Oberkörper getragen
wurde.
Darüber hinaus trugen die Schamanen der Nordwestküste auch Masken um
Kranke zu heilen, um Jäger zu ihrer Beute zu führen, um Vorhersagen zu
treffen (etwa über das Wetter) sowie bei Ritualen und Zeremonien. Die
Schamanen schnitzten ihre eigenen Masken, von denen sie mehrere besaßen.
UNTER DEN IROKESEN
Da die Nation der Irokesen in einem Gebiet lebt, das vom Eriesee bis
zum Hudson River in New York reichte, verwendeten sie Kräuter, Wurzeln
und Baumrinde, um die Kranken zu heilen. Wenn die Krankheit oder
Verletzung dennoch nicht geheilt werden konnte, so bat der Patient die
Falschgesichtergesellschaft um Hilfe. Die Identität der Mitglieder
dieser Gesellschaft war geheim; obwohl sie ausschließlich aus Männern
bestand, kümmerten sich ein bis zwei Frauen um deren Masken.
Ein neues Mitglied stellte seine Maske selbst her nachdem es in den
Wäldern einen Baum gefunden hatte, dessen Geist zu ihm sprach. Der Mann
machte ein Feuer, verstreute Tabak und schnitzte dann die Maske aus dem
Baumstamm. Es war von großer Bedeutung, dass der Baum weiterlebte, so
dass die Maske von der kraftvollen Energie des Lebens zehren konnte.
Die Maske wurde in Abgeschiedenheit herausgemeißelt, denn das kreative
Schaffen einer Maske war heilig. Anschließend wurde die Maske poliert,
mit roter und schwarzer Farbe bemalt, sowie mit Haaren und Federn
dekoriert.
Zum Schluss segneten die Mitglieder der Gesellschaft die Maske. Neben
Baumstämmen, verwendete man auch Maishülsen zur Maskenherstellung. Wenn
nicht getragen, wurden die Masken versteckt – mit dem Gesicht nach
unten, sonst würden sie sich möglicherweise gegen ihre Besitzer wenden.
Um die Geister der Masken zu besänftigen, boten ihnen ihre Besitzer
Maismehl und Tabak an und sie rieben ihnen ihre Lippen mit Fett ein.
Hatte die Maske zur Heilung geführt, befestigten die Irokesen kleine
Beutel mit Tabak an ihnen.
Diese Masken haben ihre Kräfte bis heute erhalten und sie werden nur
für ihre vorgesehenen Zwecke getragen. Aufgrund ihrer heiligen Natur
ist das Herstellen für kommerzielle Zwecke, das Ausstellen und das
Darstellen auf Bildern und Fotos verboten. Nach dem Native American
Graves Protection and Repatriation Act von 1990, welches die Rückgabe
von geheiligten Gegenständen der Indianer beinhaltete, wurden viele
Masken an die Irokesen zurückgegeben (sowie auch an andere indianische
Völker). Seneca-Künstler und Autor Peter Jemison leitete eine
Initiative, die sich darum bemühte, rund 300 wertvolle Masken, die sich
über Jahrzehnte im Besitz von Museen befanden, zurückzuerlangen (für
fünf Irokesen-Völker). Er sagt, „Ich bin dankbar, dass sich diese
Objekte jetzt wieder im Besitz der Indianer befinden.“ Es gab durchaus
Versuche uns loszuwerden…aber wir sind Stehaufmännchen. Ich will, dass
die Leute wissen, dass wir noch existieren und nicht nur ein
Überbleibsel der Vergangenheit sind, sondern dass wir im Hier und Jetzt
leben.“
IN ALASKA
Die Eskimo Alaskas hatten eine ausgeprägtere Maskenkultur als andere
indigene Völker der arktischen Regionen. Sie stellten ihre Masken aus
Treibholz, Fichten oder Pappeln her und diese nahmen die Gestalt von
Menschen, Tieren oder Vögeln an. Getragen wurden sie zu Tanzfesten, die
drei bis vier Tage dauern konnten, einschließlich des Blasen-Festivals,
welches abgehalten wird, um die getöteten Tiere zu ehren, die als
Nahrung dienen. (So glauben die Eskimo, dass die Seele des Tieres in
seiner Blase verweilt). Eine Maske die einen Geist darstellte, hatte
gewöhnlich einen entstellten Ausdruck. Männer trugen im Allgemeinen
Gesichtsmasken, während Frauen winzige Fingermasken trugen. Schamanen
stellten ihre Masken in der Regel selbst her, diese waren oft hässlich
– zum Beispiel mit einem großen Zahn, der aus dem Mund herausstand oder
mit roter Farbe bespritzt, welches tropfendes Blut darstellte. Im
Gegensatz dazu, trugen Tänzer zu bestimmten Festen lustige Masken, um
Gäste, die ihr Dorf besuchten, zum Lachen zu bringen.
Die Masken der Eskimo waren naturbelassen oder wurden mit zarten Tönen
bemalt – etwa mit weißem Ton oder grünen Pilzen. Die Dekorationen
bestanden aus Stacheln vom Baumstachler, Federn, Fell oder
Menschenhaar. Wenn der Mund der Maske mit Zähnen gefüllt war, dann
waren diese oft aus Holz, Knochen, Elfenbein oder echten Tierzähnen.
DER RÜCKGANG DER MASKENHERSTELLUNG
Das Erscheinen der Europäer hatte gewaltige Auswirkungen auf die Kunst
und Kultur der Indianer, einschließlich ihrer reichen Tradition des
Herstellens von Masken. Metal für Werkzeuge und Gelenkteile wurden
verfügbar, und neue Einflüsse halfen der Entwicklung verschiedener
künstlerischer Stile auf die Sprünge. Jedoch hat die westliche Kultur
auch Zerstörung durch Kriege, Epidemien und Landenteignung gebracht.
Als die Bundesregierung zunehmend das soziale, wirtschaftliche und
politische Leben der Indianer kontrollierte, ging auch das Herstellen
von Masken zurück.
Heute erhalten zeitgenössische Künstler – besonders im Südwesten und an
der Nordwestküste – die Kunst ihrer Vorfahren in der Maskenherstellung.
In einem wesentlich kleineren Ausmaß sind Masken immer noch ein
lebhafter und wichtiger Bestandteil des Lebens der Menschen, die sie
einsetzten. David Boxley (Tsimshian), ein international gefeierter
Schnitzer aus Metlakatla, Alaska (heute wohnhaft im Bundesstaat
Washington), sagt: „In dem aktuellen Wiederaufleben der indianischen
Kulturtraditionen sind die Künstler die Kulturbewahrer für ihre Völker
geworden.“ In Alaska und Washington organisiert und veranstaltet Boxley
Potlatch-Feste bei denen Tänzer Masken tragen. „Wir versuchen der
nächsten Generation mitzugeben was noch übrig ist. Ich möchte, dass
meine Kinder und andere junge Indianer stolz auf ihr Erbe sind, damit
sie die Fortführung unsere Kultur sicherstellen können.“
Die freie Kunstautorin Amy Abrams aus Tempe, Arizona hat Hunderte von
Artikeln für regionale und nationale Zeitungen und Magazine
geschrieben, darunter auch Art & Antiques, Soutwest Art, Phoenix
Home & Garden and Arizona Highways.
Fotos
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Die Masken der Nordwestküste, die auf dieser und der nächsten Seite
gezeigt werden, sind in der Ausstellung „Listening to Our Ancestors:
The Art of Native Life Along the North Pacific Coast“ im George Gustav
Heye Center des National Museum of the American Indian in New York zu
sehen (12. September 2007 - 18. Mai 2008).
Gegenüberliegende Seite: Tsimshian-Maske, frühes 19. Jh.. British
Columbia, Kanada. Holz, geschnitzt, bemalt und mit Haar ausgestattet.
Unten: Nuxalk-Maske, die einen Raben darstellt, zweite Hälfte 19. Jh. Erlenholz, Glas, Zinnober, Blaufärbung und Bemalung.
Unten: Gitksan-Maske eine Eule verkörpernd. Holz, geschnitzt und bemalt, ca. 1900.
Page 26:
Mechanische Muschelmaske der Heiltsuk, ca. 1900, British Columbia,
Kanada. Holz, geschnitzt und bemalt, Leder und Baumwollschnur. „Im
Muscheltanz, einem Frauentanz, kommen die Muscheln heraus, um mit den
Menschen zu tanzen. Wenn eine wirklicher Mensch erscheint, schließen
die Tänzer ihre Schalen und verwandeln sich wieder in Muscheln.“ Aus
„Listening to Our Ancestors,“ veröffentlicht vom Smithsonian/National
Museum of the American Indian (NMAI).
Page 27:
Maske; 19.-20. Jh. Holz, Federn, Pigment, ca. 25 x 44 cm. Nordamerika, USA, Arktische Region, Alaska.